IRONMAN HAWAII

Ein Bericht von Andreas Weymann

Dies ist die Geschichte meines Ironman Hawaiis, also der Teilnahme an der Ironman Weltmeisterschaft in Kailua Kona auf Big Island am 6. Oktober 2022. Es ist eine längere Geschichte, weil die Geschichte hierzu auch länger ist. Aber man sollte sie kennen, um das Emotionale dahinter zu verstehen. Also, etwas Zeit einplanen.
Ironman. Hawaii. Da stecken für viele zwei Träume drin. Der eine: Einmal einen Ironman finishen. Und der andere:  Eine Reise nach Hawaii, zu welcher der Inseln auch immer. So auch für mich. Als jemand, den es schon immer auf Reisen in die Ferne gezogen hat, war klar, dass ich hier einmal in meinem Leben gewesen sein möchte. Einmal auf Hawaii. Und dann auf einem der Vulkane über den Wolken sein. Und seitdem ich im Jahr 2011 meinen ersten Ironman in der Schweiz gefinisht hatte und wusste, dass das Absolvieren einer Langdistanz auch für mich möglich ist, war für mich klar: Wenn nach Hawaii, dann für den Ironman.
Allerdings stellt sich das mit der Teilnahme als nicht so einfach dar. Entweder man qualifiziert sich über seine Platzierung, meistens irgendwo zwischen 1. bis 5. seiner Altersklasse, bei einem der offiziellen Rennen aus der weltweiten Serie. Also den Rennen über die Distanz von 3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren und 42,2 km Laufen. Dann gehört man aber zu den Top 1%. Oder aber. Ja, oder aber. Das mit der Qualifizierung kam mich für mich als mittelprächtig talentierten Sportler mit zudem übersichtlichen Zeitbudget fürs Training, meist reduziert aufs Wochenende, nicht in Frage, weil das in den Bereich der Unmöglichen gehört hätte. Somit setzte ich in den ersten Jahren nach 2011 erst mal aufs Glück, weil es jedes Jahr eine weltweite Verlosung von meist 50 Startplätzen gab. Die Lotterie wurde dann aber irgendwann verboten, so dass noch die Versteigerung von ein paar Startplätzen für Charityaktionen blieb, was auch keine Option war, da das mindestens einen mittelprächtigen fünfstelligen Betrag gekostet und dann nun gar nichts mehr mit einer sportlichen Qualifizierung zu tun gehabt hätte. Aber da gab es ja noch das Legacy-Programm. Wer zwölf Mal einen Ironman gefinisht hat und dann in der Folge noch ein paar andere komplizierte Regeln beachtet, kommt in einer Warteschlange, aus der jedes Jahr einigen dann die Teilnahme ermöglicht wird. Wobei keiner so richtig weiß, wie lange die Schlange ist. Aber das war dann mein erklärter Weg.
Also über die Jahre und die Stationen Zürich (3x), Frankfurt (3x), Nizza, Barcelona, Mallorca, Lanzarote, Maastricht und Cozumel zwölf Finishes geschafft. Teilweise zurückgeworfen durch Diebstahl meines Fahrrades kurz vorm Einchecken 2014 in Frankfurt, meines Radunfalles mit Schenkelhalsfraktur in 2017 und meines einzigen DNF in 2019 bei über 40 Grad in Frankfurt, was mich insgesamt um vier geplante Rennen zurückgeworfen hatte. Aber im November 2019 nach meinem Start in Mexico war es dann soweit. Ich hatte die 12 Rennen zusammen. Und dann kam Covid. Was allerdings für meinen Hawaiiplan erst einmal sogar förderlich schien. Weil in 2020 eigentlich keine neuen Rennen mehr stattfanden, Ironman aber im Frühjahr davon ausging, dass auf Hawaii die Welt in Ordnung sein könnte, wurden plötzlich alle Legacy-Athleten aus der Warteliste genommen und bekamen einen Einladung nach Hawaii, um das Feld der bereits in 2019 Qualifizierten aufzufüllen.
Irgendwie ging ich dann auch davon aus, dass der Sommer es mit Covid schon richten würde und buchte fleißig Flüge, Mietwagen und Unterkunft. So wie immer. Individuell. Und alles war erstaunlich günstig. Dann dämmerte es einem aber ziemlich schnell, dass das mit der WM wohl nichts werden konnte. Also alles für einen neuen Termin in 2021 umgebucht. Was soweit auch erst mal zu gehen schien. Dann 2021. Ähnliche Situation, ähnliche Unsicherheit. Allerdings schrieb mir meine Unterkunft dann im Sommer, die Ferienwohnung wäre vom Eigentümer verkauft und stände nicht mehr zur Verfügung. Gleichzeitig verschwand die Maklerin mit meiner Anzahlung hierfür irgendwo unerreichbar in Amerika. Also was Neues gesucht. Das war dann, da zwischenzeitlich schon wieder Qualifizierungen stattgefunden hatten und die Nachfrage gestiegen war, deutlich teurer und hatte keine Option der Stornierung. Was in dem Moment keine gute Lösung war, als sich herausstellte, dass die USA es bei ihrem Einreiseverbot belassen wollte und es eigentlich für Nichtamerikaner gar keine Chance gab, im Oktober 2021 in den USA irgendwo zu starten. Ironman cancelte dann in der Folge auch das Rennen in 2021. Um dann irgendwann mit der Option auf uns zuzukommen, gerne im Frühjahr 2022 in Utah zu starten, wohin die 2021er Veranstaltung als Alternative verlegt wurde. Das kam natürlich für alle, die einmal auf Hawaii starten wollten, als Alternative gar nicht in Frage, so dass man auf den Herbst 2022 hoffte. Und ich buchte wieder um, bzw. machte einen Deal mit der eh schon teueren Ferienwohnung, die eigentlich nicht stornierbare Reservierung dann aufs nächste Jahr zu legen, was die ganze Sache keineswegs billiger machte. Die Mietwagenpreise waren zwischenzeitlich auch auf das Dreifache angestiegen. Einzig der Flieger war nicht teuer geworden und ich behielt unsere schöne Plätze, jetzt ergänzt nicht nur für meine Frau, sondern auch für unseren  Sohn, der nun auch mitkommen wollte. Und wir waren frohen Mutes und freuten uns auf unsere Reise am 24. September.
Die Freude hielt genau bis zum Morgen des 23. Septembers. Da wollte ich nämlich online einchecken und dann, wie von der Fluggesellschaft beschrieben, mein Fahrrad als Zusatzgepäck anmelden. Ich bekam also 24 Stunden vorher wie gewohnt meinen Link per Email mit dem Hinweis, ich könne jetzt einchecken. Irgendwie kam der Prozess dann aber etwas ins Stocken, als es um das Hinzubuchen  des Fahrrades ging. Also vorsichtshalber bei der Fluggesellschaft, die eine amerikanische und irgendwie nur rudimentär in Deutschland hotlinemäßig besetzt ist, angerufen. Und dann kam der erste Schock. Sie könne unsere Tickets im System nicht finden, sagte die Dame am Telefon. Ich fand sie zwar seit 11 Monaten in meinem Benutzerkonto, in der App und mit genauen Zeiten und Sitzplatzreservierungen für jeden Flug und hatte ja auch die schriftliche Einladung zum Onlinecheckin erhalten, das war nach Auskunft der Hotline aber alles nicht mit einer Ticketnummer hinterlegt. Sie könne da auch nicht helfen. Also direkt in den USA angerufen und werweißwieviel Euros in der Hotlinewarteschlange verpulvert, um eine ähnliche Aussage von dort zu bekommen. Das Ganze sei wohl ein Computerfehler, ich hätte die Tickets nicht bezahlt und neue Plätze gäbe es nicht mehr, da auch die reservierten Plätze mittlerweile durch andere besetzt seien. Schönen Guten Tag noch. 20 Stunden vor dem geplanten Start unserer Reise standen wir also ohne Flüge da. Während auf Hawaii unsere Unterkünfte, unser Mietwagen, und separat gebuchte Flüge auf die Nachbarinsel, nicht zu reden vom Ironman, auf uns warteten. Um es mal gelinde auszudrücken. Ich war an diesem Freitag, den ich eigentlich voll der halbwegs ordentlichen Abarbeitung meines Schreibtisches auf der Arbeit widmen wollte, ziemlich unentspannt.
Was blieb uns nun? Also das ganze Netz nach irgendwelchen Ersatzflügen abgesucht. Für einen Samstag. Nach Hawaii. Zwei Wochen vor dem Ironman. Und tatsächlich noch drei Plätze gefunden. Zu halbwegs normalen Preisen. Zwar ohne zusätzliche Beinfreiheit für meinen Sohn und mich (wir sind ja beide 200 cm), aber egal. Hauptsache hin. Dann, das übliche aktuelle Chaos im Düsseldorfer Flughafen beim Einchecken vor Augen, gedacht, Vorabendcheckin in Düsseldorf wäre doch eine tolle Sache. Der erste Flug war ja schließlich ein Inlandsflug nach München. Und bei frühen Flügen in Deutschland und EU ging das ja. Abends dann genau 2 Stunden mit 3 Koffern und dem Rad in der Schlange gestanden, um dann zu erfahren, dass das Ganze bei späteren Weiterflügen eben nicht geht. Wieder 3 Stunden vergeudet und auf meiner Arbeit wartete noch der Schreibtisch. Nach einer durchgearbeiteten Nacht konnte es dann am frühen Morgen endlich losgehen.
Die Flieger nach Hawaii, die aus dem Osten kommen, landen dort meistens am späteren Abend. Wir flogen über München und San Francisco nach Kona, also dem Ort der Weltmeisterschaft und zugleich touristischer Hauptort von Big Island, der größten der Hawaiiinseln, die auch optisch vollkommen von den dortigen Hauptvulkanen Kilauea, Mauna Kea und Mauna Loa geprägt ist. Mauna Kea und Mauna Loa sind jeweils über 4.000 Meter hoch, aber so niedrig ausschauende Berge, zumal, da sie ja direkt vom Meeresspiegel aus zu betrachten sind, sieht man sonst wohl kaum irgendwo. Die ganze Insel besteht eigentlich nur aus Lavagestein. Wir hatten für die ersten beiden Tage eine schöne Unterkunft direkt am Meer und am ersten Morgen joggte ich dann erst einmal ein paar Kilometer mit der Schwimmboje zum Dig Me Beach. Ein winziger Strand am Pier von Kona, der aber die nächsten beiden Wochen der Hotspot der internationalen Triathlonszene war. Denn egal ob Profi oder Agegrouper. Hier sprang morgens jeder ins Wasser um im angenehm warmen und klaren Meer ein Stück der späteren Wettkampfstrecke zu schwimmen. Wenn man sich also ein paar Stunden dort aufgehalten hätte, hätte man nun wirklich jeden der Stars mal beim Schwimmeinstieg sehen können. Und auch Delphine und Meeresschildkröten. Zumindest jenseits des Schwimmeinstiegs.
Für uns ging es aber schon am nächsten Morgen weiter. Wir wollten zunächst noch nach Oahu, der Hauptinsel mit der Hauptstadt Honolulu und dem weltberühmten Waikikibeach. Das Fahrrad ließ ich währenddessen im Koffer bei der nächsten gebuchten Unterkunft in Kona. Höhepunkt unseres Inselbesuches auf Oahu und einer der Höhepunkte der Reise überhaupt war dann das Schnorcheln mit Haien bei Oceanramsey, einer sehr aktiven Meeresforscherin, die sich dem Artenschutz und insbesondere dem der Haie verschrieben hat. Wer einmal Videos von ihr gesehen hat, wie sie minutenlang ohne technische Ausrüstung auf offener See mit riesigen weißen Haien oder Walhaien taucht, dem bleibt wirklich die Luft weg und man kommt aus dem Staunen nicht mehr raus. Bei uns sollte es nun möglichst kein weißer Hai sein, wir hatten schon vor allen anderen mehr als Respekt. Wir fuhren also einige Meilen aufs Meer hinaus, bis das Boot irgendwo anhielt und sich plötzlich die ersten Haie um uns tummelten. Aber nicht irgendwelche kleinen Fische. Die Tiere waren 2 bis 4 Meter lang und da sollten wir nun einfach reinspringen bzw. reinreiten, weil Planschen finden die Haie interessant. Und kein Käfig oder sowas. Aber wenn wir einige Regeln beachten würden, würde nichts passieren, meinte unser Begleiter und glitt, selbst ohne irgendwelche technischen Sicherheitsvorkehrungen, schon mal vor ins Wasser. Wir dann hinterher, einfach so. Man muss manchmal echt bekloppt sein. Aber dann wich die Unsicherheit einer absoluten Begeisterung, als beim ersten Blick durch die Schnorchelbrille wirklich dutzende Haie unterhalb von uns kreisten. Als dann ein recht großer Tigerhai auf uns zukam, stieg dann mal wieder kurz die Aufregung, da man sich ja immer auch die Frage stellen muss, ob sich alle Tiere an die Regeln halten und für ihre Spezies „normal“ sind, wenn es bei Menschen auch immer einige Irre gibt, die sich nicht „normal“ verhalten. Ging dann aber alles gut. Es gab angeblich auch noch nie einen Zwischenfall, so dass das sicherer als Radfahren zu sein scheint. 
Nach einigen weiteren touristischen Highlights ging es dann vier Tage später wieder zurück nach Big Island, dann aber auch erst mal nicht nach Kona, sondern ins beschaulichere Hilo auf die andere Seite der Insel, um unter anderem den aktiven Vulkan Kilauea, der zuletzt 2018 die Insel lahmgelegt hatte, zu bewandern. Pünktlich zum Start der Rennwoche fuhren wir dann wieder zurück nach Kona, wo es nun schon sehr deutlich trubeliger wurde. Am Montag war die traditionelle Parade of Nations, also ein Aufzug, wo sich jeder hinter seine Landesflagge stellt und man gemeinsam über den Ali’i Drive geht. Da in diesem Jahr wegen der aufgestauten Qualifikantenzahl das Rennen nicht nur an einem Tag, sondern nach Gruppen aufgeteilt über zwei Tage stattfand und mit über 5.000 gemeldeten Athleten doppelt so viele als sonst vor Ort waren, wurde die Parade etwas länger als sonst. Nach der Parade war dann mein Timeslot zum Abholen der Startunterlagen im King Kamehameha Hotel, dem Racehotel direkt an Start und Ziel. Hier war alles vorbildlich organisiert und viele freiwillige Helfer im gesetzten Alter führten einen durch die unterschiedlichen Stationen, bis man zum Schluss nicht nur seine Startunterlagen, sondern auch einen schönen Rucksack und ein toll gestaltetes Badetuch hatte.
Der nächste Morgen begann früh und startete mit dem Underpantsrun. Gehört mittlerweile auch traditionell dazu, wenn auch kein offizieller Programmpunkt von Ironman, sondern eher eine Charityaktion und auf jeden Fall ein Happening. Tausende liefen also morgens nur mit Unterwäsche bekleidet zum Versammlungspunkt, um dann nach einem gemeinsamen Start wie bei einem Volkslauf, nur mit mehr Stimmung und Tamtam, spärlich bekleidet durch Kona zu laufen.

Nach dieser Aktion war dann das Einfahren des Fahrrades angesagt, das ich am Vorabend aus meinem Koffer befreit und zusammengebaut hatte. Auf dem Queen K Highway, neben dem Ali’i Drive der Hauptteil der Streckenführung des Rennens, begegneten mir beim Radfahren jede Menge anderer Triathleten. Hier ist bereits Wochen vor dem Ironman auf dem Highway die Hölle los und tagsüber vergeht keine Minute, in der man nicht irgendeinen in der Hitze hier trainieren sieht. Ob mit dem Rad oder laufend, denn etwa 20 km läuft man später auch über diesen Highway. Das gefährlichste am Ironman ist übrigens das Trainieren vor Ort auf dem Highway. Viele Mahnmale erinnern daran, dass die Autofahrer hier nicht immer Rücksicht nehmen bzw. sich auch einige Radfahrer nicht an Regeln halten, was regelmäßig und in größerer Zahl zu Unfällen mit unterschiedlich glimpflichen Ausgang führt. Ich habe meinen 60 km-Probeausflug auf jeden Fall unfallfrei überstanden und freute mich auf die weiteren Dinge, die da kommen sollten. 
Am Dienstagabend, zwei Tage vor meinem Rennen, war dann das Willkommensbankett. Nimmt man die über 5.000 Athleten und unterstellt, dass im Durchschnitt jeder mindestens eine weitere Person als Begleitung dabei hatte, war dies mit 10.000 Leuten, die nun auch gerne was zu Essen und zu Trinken hätten, schon eine ziemlich große Veranstaltung, die auf dem Parkplatz des King Kamehameha Hotel stattfand. Aber irgendwie bekam jeder seinen Sitzplatz und auch sein warmes Essen  und seine kühlen Getränke und man saß vor einer riesigen Bühne mit drei LED-Wänden und schaute sich das Begrüßungsprogramm an. Ein größerer Punkt dabei war auch die Verabschidung von Mike Reilly, „the Voice“, der nun nach dreißig Jahren Ironman-Zirkus dieses Jahr in Kona das letzte Mal „you are an Ironman“ sagen sollte.
Mittwoch war dann Einchecken angesagt. Aber erst noch beim „On the Rocks“ beim Breakfast with Bob vorbeigeschaut. Bob Babitt hat in der Rennwoche morgens immer etwa sechs Athleten zu Gast, die er hintereinander etwa 20 Minuten interviewt und die sich dabei den Hocker in die Hand geben. Das Ganze wird dann international übertragen. An diesem Mittwoch waren u.a. Jan Frodeno und anschließend Lionel Sanders zu Gast. Das anschließende Radeinchecken lief dann recht einfach und organisiert ab. Man hatte wieder ein klares Zeitfenster und wirklich einmalig gute, auf die Felgenbreite einstellbare Ständer für die Räder. Die Wechselbeutel musste man aber wohlüberlegt vorbereiten, da man an diese am nächsten Tag vor dem Rennen nicht mehr rankommen sollte. Und dann wartete ich auf den nächsten Tag. Raceday.
An diesem Tag, dem 6.10.2022, sollten alle Frauen, beginnend mit den Profis, die Männer-Altersklassen 25-29, 50-54 und ab 60 sowie die Handbiker und Sonderklassen starten. Der Checkin verlief reibungslos, auch wenn viele es vergessen hatten, sich ihre Startnummerntatoos selbst aufzukleben und das jetzt nachgeholt werden musste. Edding war auf jeden Fall früher. Jede Menge Helfer waren unterwegs, und auch das Aufpumpen der Reifen fand unter Begleitung und gesittet statt, da jede Pumpe einen Helfer hatte, und dieser diese auch nie aus den Augen lies. Dafür hatte er eine Taschenlampe dabei, so dass man den Druck im Blick haben konnte. Da das Rad schnell aufgepumpt war und es sonst nicht viel zu tun gab, konnte ich mir noch die Profidamen in ihrer Vorbereitung anschauen. Dann kam, was kommen musste und tatsächlich immer eine ganz besondere Gänsehautatmosphäre erzeugt. Es sang jemand die amerikanische Nationalhymne. Und kurz danach ging es auch schon los. Die Kanone knallte und die Profifrauen machten sich um 6.25 auf den Weg. Meine Startgruppe war die vorletzte und erst um 7.35 dran, so dass noch etwas Zeit blieb. Trotzdem galt es schon mal, sich frühzeitig in seinen Coral zu stellen. Hier hat man dann auch wieder Gelegenheit, sich noch mal von den eigenen Supportern zu verabschieden. Obwohl ich nun früh genug in meiner Startgruppe war, mich hier allerdings recht weit hinten einsortiert hatte, um den schnellen Schwimmern später nicht im Weg zu sein, kam dann dann plötzlich Hektik auf. Unsere Gruppe war mit über 600 das größte Starterfeld, das gleichzeitig starten sollte. Und bis zum Schwimmstart musste man erst noch einmal 100 Meter schwimmen. Allerdings startete um 7:30 noch eine Gruppe vor uns, so dass das Ganze nicht gut klappen konnte. Während die ersten aus unserer Gruppe dann schon an der Startlinie waren, waren die letzten noch nicht mal in der Nähe des Wassers, als die Startsirene losging. Ich war im hinteren Feld und hatte zumindest schon mal den nassen Sand unter den Füßen, musste jetzt aber auch noch bis zu Startlinie schwimmen, obwohl meine Zeit schon längst lief. Wäre ich auf meine Schwimmzeit versessen gewesen, hätte mich das sehr ärgern kö
nnen, aber auf die paar Minuten mehr oder weniger kam es bei mir an diesem Tag eh nicht an. Allerdings dauerte es dann nicht mehr lange, bis die nächste Startgruppe, die der 25-29 jährigen Männer, die ja nur fünf Minuten hinter uns bzw. zwei Minuten hinter mir gestartet war, mein gemütliches Schwimmen jäh unterbrach und über mich hinwegrollte. Nachdem ich das überlebt hatte und die Brille wieder gerichtet hatte war es dann ein sehr angenehmes, wenn auch etwas langes Schwimmen auf der Strecke, die in der Bucht von Kailua etwa 1800 m aufs Meer hinausführt, um dann nach der Wende an einem Schiff wieder parallel zurückzuführen. Auch wenn es hier jede Menge Delphine, Schildkröten und den einen oder anderen Hai in der Bucht gibt. An diesem Morgen schienen sich alle in Sicherheit gebracht zu haben. Nach meinem Schwimmausstieg, der kurzen Süßwasserdusche und dem Anziehen der Radschuhe fand ich die Wechselzone gewohnt aufgeräumt vor, was nicht nur daran lag, dass fast alle Startgruppen vor mir starten durften.

Auf jeden Fall fand ich mein Rad schnell und dann ging es los auf eine hügelige bzw. sehr hügelige Radstrecke, die zunächst etwas südlich in den Ort hinein und nach einem Wendepunkt dann wieder aus Kona hinaus auf dem Queen K Highway führte, der die nächsten Stunden meinen Tag prägen sollte. Obwohl ich seit Wochen nicht mit dem Rad trainiert hatte ging es halbwegs gut los und ich war mit meinem Schnitt soweit zufrieden. Allerdings stellte sich schnell heraus, dass meine am Dienstag von einem LKW überfahrene Aero-Radflasche, die ich mühsam wieder zusammengeklebt hatte, und in der sich ein Teil meiner Gels befand, doch nicht wirklich zu gebrauchen war, was meine Ernährungsstrategie dann etwas durcheinanderbrachte. Mein Schnitt ging dann rapide runter, als es auf die lange Auffahrt hoch zum Wendepunkt nach Hawi ging und die sich ziemlich zog. Leider war die Hoffnung, das bei der Abfahrt wieder rauszuholen, auch schnell dahin, da ich nun als Spätstarter und Nichtüberbiker in das berüchtigte Kona-Windproblem hineinkam und man eigentlich immer das Gefühl hatte, dass es nicht voran ging.

Trotzdem konnte ich auf dem Rad einige hundert Plätze gutmachen und ich überholte eigentlich nur und wurde nicht mehr überholt (wobei, von wem auch, waren ja schon fast alle vor mir). Nach über sechs Stunden kam ich dann wieder in die Wechselzone, die jetzt natürlich deutlich unaufgeräumter aussah und die eine gefühlt unglaublich lange Wegeführung hat. Beim Laufen merkte man dann, warum sich mit Hawaii viele schwer tun. Denn wenn auch die Thermometer einfach nur hochsommerliche Temperaturen anzeigt. In der Sonne ist es wirklich in der Kombination mit einer hohen Luftfeuchtigkeit für den ein oder anderen unerträglich. Da ich schon etwas später dran war, wusste ich aber, dass sich das Problem bei mir nach etwa einem Drittel der Laufstrecke erledigen dürfte. Eis gab es auf jeden Fall genug und auch ich packte mir immer jede Menge davon unter Mütze und ins Trikot. Was mich beim Laufen etwas erstaunte war, dass ich selbst in den jüngeren Altersgruppen relativ viele antraf, die sich aufs Wandern verlegt hatten. Meiner Neigung, dass auch zu tun, war das leider sehr zuträglich, so dass ich auch schon früh damit anfing, den ein oder anderen Streckenteil mal zu gehen, wobei diese Anteile dann zwischendrin etwas groß wurden. Nachdem man noch einen sehr bevölkerten und umjubelten ersten Teil der Strecke über den Alii Drive hatte, ging es dann raus auf den Queen K Highway in die Lavalandschaft und Richtung Flughafen in die Einsamkeit und Dunkelheit. Außer beim 24-Stunden-Radrennen auf dem Nürburgring habe ich dann eine so lange Strecke in absoluter Dunkelheit noch nie erlebt. Wenn die Sonne mal untergegangen ist, ist es über etwa 25 km der Strecke absolut stockduster. Nur, wenn der Mond scheint, bekommt man eine Ahnung, wo man lang läuft. Und wenn die Mitstreiter keine Beleuchtung dabei haben und der Mond hinter einer Wolke ist, kann man sowohl voll in die Entgegenkommenden als auch in die langsameren in der eigenen Richtung laufen. Zum Glück gab es dann im berüchtigten Energylab, was eigentlich auch nur eine noch abseits gelegenere Straße in einen Forschungskomplex ist, leuchtende Neonringe für um den Hals, so dass sich ab da das Problem etwas reduzierte. Ich selbst hatte zudem eine Minifahrradlampe dabei, die man sowohl als rotes Rücklicht wie auch als Scheinwerfer nutzen konnte, was zumindest meine SIchtbarkeit dann erhöht hat. Auf dem Rückweg aus dem Energylab kam mir dann Chris Nikic, der sich zum Ziel gesetzt hat, erster Konafinisher mit Downsyndrom zu werden, mit seinem Trainer und Begleiter sowie die erste Frau, die mit einem behinderten Kind im Anhänger die Strecke meistern wollten, entgegen.

 Ich war froh, dass ich schon deutlich weiter war und dann nicht mehr soviel vor mir hatte.
Wenn man nach Kona reinläuft, denkt man, man wäre gleich im Ziel, zumal man die ganze Zeit Mike Reilly und sein „you are an Ironman“ hört. Leider muss man hier dann auch noch eine ziemliche Schleife drehen. Aber dann. Dann hat man es geschafft und läuft auf den wohl längsten Zielteppich der Ironmanserie durch den Zielkanal und hört dann seinen Spruch: „You are an Ironman“ und bekommt erst einmal eine hübsche Kette umgehängt. Rührige Helfer begleiten einen dann stützend in den Nachzielbereich, auch wenn es einem blendend geht. Denn durch meine ungewollte Strategie, nicht alles durchzulaufen, komme ich eigentlich schon immer erholt an. Gut. Deutlich über 14 Stunden ist jetzt nicht so die Heldentat, aber für mich zählte immer schon das Event und nicht das Ergebnis, so lange es kein DNF war. Und außerdem kann man in Kona den Tag mit bis zu 17 Stunden auskosten. Hinter dem Ziel gibts dann Medaille (wirklich gelungen) das Finishershirt (kann man auch gut tragen) sowie das Finishercap (wird jetzt wahrscheinlich nur noch getragen) und sogar alkoholfreies Bier, Schokoeis und Pizza. Nachdem ich dann irgendwann eine Gartendusche gefunden und mich umgezogen hatte, ging es dann in den Zielbereich, um das Ganze mit den späteren Finishern aus der Zuschauerperspektive zu sehen. Und da liefen neben den normalen Leuten, die sich noch mehr Zeit als ich gelassen hatten, unter anderem ein 82-jähriger ein. Und eine 78-jährige, die schon 30 mal in Kona gestartet ist und nun aufhören wollte, Chris Nikic als erster Finisher mit Down-Syndrom und die Mutter mit ihrem großen behinderten Kind im Laufwagen. Und die Leute, die tatsächlich 17 Stunden und mehr brauchten. Währenddessen zog Mike Reilly seine Show durch und den Abschluss markierten zwei hawaiianische Feuertänzer und die Dorfälteste, die ein Traditionslied altersbedingt so sang wie ich unter der Dusche singen würde, wenn ich mich bemühen würde. Dann war mein großer Renntag beendet. Deutlich früher waren die Überraschungssiegerin in ihrem erst zweiten Ironman, die hier als erste Mutter gewonnen hat, Chelsea Sodaro in 8:33, die ständige Zweite Lucy Charles-Barclay, die aber nach diesjährigen Verletzung auch zufrieden sein durfte mit 8:41 und Anne Haug als Dritte mit 8:42 im Ziel.
Am Samstag, 8. Oktober, war dann das Profirennen der Herren sowie aller übrigen männliche Altersklassen. Das Feld war ziemlich genau so groß wie am Donnerstag. Da wir am Donnerstag beim Start ja schon selbst dabei waren, haben wir den Start erst mal übers Internet verfolgt, wobei sich schon nach wenigen Minuten aufgrund der günstigen Lage unserer Ferienwohnung das Geschehen Richtung unseres Balkons verlagerte, so dass wir beim Frühstück das Schwimmen parallel direkt verfolgen konnten. Auch zur Radstrecke hatten wir es nicht weit, so dass wir danach jeden der Profis auf der Wendestrecke des Kuakini Highways sehen konnten und später dann beim Laufen auf dem ebenfalls als Wendestrecke ausgelegten Alii Drive dann auch. Die Stimmung am Streckenrand war super, zumal ja nun auch die Teilnehmer vom Donnerstag noch als Zuschauer dabei sein konnten.  Und es war ein sehr spannendes Rennen, das zudem mit der schnellsten Radzeit von Sam Laidlow mit 4:04 und dem schnellsten Marathon vom Sieger Gustav Iden mit 2:36 sowie einem neuen Gesamtstreckenrekord mit 7:40 in die Geschichte eingehen wird. Die ersten 20 haben wir dann am Zielkanal ins Ziel geschrien und geklopft. Schön war, dass Sebastian Kienle es mit seiner besten je erzielten Zeit von unter 7:55 Stunden auf den 6. Platz geschafft hat und damit einen guten Ausgang seines letzten Rennens in Ko
na hatte. Man merkte ihm sein Glück, aber auch seinen Abschiedsblues an, als er den Teppich noch mal zurücklief und bei den Fans abklatschte.
Am Sonntag gab es dann das Bankett der Sieger. Wieder mit 10.000 Teilnehmern. Und jeweils die ersten fünf jeder Altersklasse wurden geehrt und auf die Bühne geholt.
Bei den Profis jeweils die ersten 10.  Eine würdige, wenn auch natürlich etwas langatmige Veranstaltung aufgrund der vielen zu Ehrenden. Nach einer fast vierstündigen Feier war dann auch damit das Kapitel Ironman 2022 in Kona beendet.
Ironman plant, das Ganze im nächsten Jahr wieder als zweitägige Veranstaltung durchzuführen. Einen Tag nur für die Frauen. Und einen Tag nur für die Männer. Ob das eine so gute Idee ist, wird noch ausgiebig diskutiert. Die Einheimischen vor Ort, die Opfer der Verkehrssperrungen wurden und nicht so viel vom Tourismus haben, haben das Ganze nicht so toll gefunden. Und auch das Finden von genug Freiwilligen für zwei Tage stellt sich als nicht so einfach dar und führte zu einer deutlichen Verknappung der Verpflegungsstellen. Für mich nicht wirklich schlimm, da mir von dem Ganzen ständigen Verpflegen eh nur schlecht wird. Aber für viele andere war das wohl ein Problem. Ansonsten: Super Stimmung unter den Athleten, in den Lokalen fand man trotzdem seinen Platz. Nur die Supermärkte waren hinsichtlich typischer Sportlerverpflegung eher leergekauft. Wobei man sich bei den dortigen Preisen schon die Frage stellen musste, was man da überhaupt noch kaufen möchte. Selbst bei Walmart (das sind die mehrere Fußballfelder großen Märkte, in denen es trotzdem nie das gibt, was man gerade sucht) waren die Preise mindestens beim Faktor 2 eines deutschen Supermarktes. Für den Athleten, der so wie ich am Donnerstag am Start war und der am Samstag ein Rennen komplett entspannt vor Ort verfolgen konnte, war die Zweitageslösung ideal. Ob ich mir das andersherum angetan hätte, wenn ich am Samstag gestartet wäre, weiß ich nicht. Zumindest nicht dann, wenn es mir auf ein Ergebnis angekommen wäre. Ansonsten: Hawaii und die Hawaiianer sind irgendwie anders als der Rest Amerikas. Das Aloha schwingt überall mit und man trifft fast ausschließlich auf freundliche und aufgeschlossene Menschen und die ganze hawaiianische Lebensphilosophie ist einfach sympathisch. Ich hatte mir sowohl die Veranstaltung als auch die Insel vorher nicht so schön vorgestellt (auch, wenn ich ja immer hin wollte). Es war, selbst mit dem Abstand jetzt von schon einigen Tagen, irgendwie genial. Und ich überlege tatsächlich, ob es nicht doch noch einen Weg gibt, da noch mal eines Tages zu starten. Dann bliebe aber auch zu hoffen, dass es Ironman mit seiner weiteren Kommerzialisierung der Serie nicht noch mehr übertreibt und es tatsächlich schafft, die Akzeptanz in Kona bei den Einheimischen zu erhalten und dort deren Geduld und Kooperationsbereitschaft nicht überstrapaziert.
Übrigens, mein mit dem Traum, nach Hawaii zu kommen verbundenes zweites Ziel habe ich auch geschafft. Am letzten Tag unserer Reise bin ich mit meinem Sohn auf den 4.200 m hohen Mauna Kea gelaufen. Die fast siebenstündige Wanderung mit Anflügen von Höhenkrankheit führte uns zu den zahlreichen Observatorien über den Wolken auf den vom Meeresboden aus gemessen höchsten Berg der Welt mit über 10.000 m Höhe. An diesem Tag sind uns nur 8 weitere Menschen begegnet. Ein wunderbarer Kontrast zu dem quirligen Treiben in Kona. Und zu dem quirligen Treiben am Flughafen am nächsten Tag in Kona, wo wir mit zahlreichen Athleten wieder in einer Schlange beim Checkin standen. Dieses Mal hatte ich zweifellos Flugtickets. Aber die Dame am Schalter versetzte uns in einen ähnlichen Schrecken wie zu Beginn unserer Reise, als sie meinte, dass für Deutschland ein Embargo gelte und wir uns überlegen könnten, ob wir einen unserer drei Koffer (wir waren ja zu Dritt) oder mein Fahrrad auf Hawaii lassen wollten. Ich war mehr als irritiert, zumal die ganze Warteschlange jeweils aus Reisenden mit zwei Koffern, zwei Menschen und einem Fahrrad bestand und bei den anderen dieses Embargo wohl kein Thema zu sein schien (dafür war da das Thema, dass noch jede Menge Gebühren für das Übergepäck zu zahlen sei und die Kreditkarten wohl auch noch vom restlich verbliebenen Geld dieses tatsächlich nicht ganz so günstigen Urlaubs befreit wurden). Bei uns war die Frage für die Dame aber nicht das Geld, sondern das Gesetz, wo auch immer das zu finden war. Aufgrund unseres freundlich artikulierten Unmutes darüber, nun einen wesentlichen Teil unseres Gepäcks einfach zurücklassen zu sollen, schickte die Dame dann einen Boten los, der das mit dem Supervisor klären sollte. Dieser Bote verschwand hinter einer geheimnisvollen Tür und wir warteten 10 Minuten darauf, ob der Supervisor das Embargo vielleicht anders interpretierte als das Computersystem. Zum Glück tat er das. Und wir machten uns mit all unserem Hab und Gut auf die Reise nach San Francisco, München, Düsseldorf zurück nach Hause, wo wir mit all den Habseligkeiten, ein paar anfassbaren Souvenirs und vielen tollen und unvergesslichen Eindrücken nach 45 mehr oder weniger schlaflosen Stunden angekommen sind.
Aloha und Mahalo Hawaii. ANDREAS WEYMANN