Mount Everest, Nepal 29.05.2026
Unser Vereinskollege Andreas Weymann sorgt in diesem Jahr weiterhin für außergewöhnliche sportliche Schlagzeilen. Bereits im Frühjahr meisterte er zwei der berühmtesten Radsport-Monumente Europas: Unter dem Motto „Zwei Monumente, ein Fahrer: auf den Spuren der Profis“ finishte Andreas sowohl die Flandern-Rundfahrt als auch die Paris–Roubaix Challenge.
Nun stellte er sich einer völlig anderen, einer weiteren Herausforderung: dem Tenzing-Hillary-Everest-Marathon in Nepal. Am 29. Mai 2026 ging Andreas beim höchsten Marathon der Welt an den Start. Der Everest-Marathon ist ein internationales Abenteuersportereignis, das jährlich vom Everest Base Camp aus stattfindet und an den historischen Erstaufstieg von Tenzing Norgay Sherpa und Sir Edmund Hillary am 29. Mai 1953 erinnert.
Tenzing-Hillary-Everest-Marathon 2026: Bericht von Andreas Weymann
Vom Klassiker zum Extremabenteuer
Der Start ist das Ziel. Sieht man mal von meiner Ironman-Hawaii-Qualifikation ab, hatte ich noch nie eine solche Herausforderung, es überhaupt an die Startlinie einer Sportveranstaltung zu schaffen. Warum war das so?
Ausgangspunkt unserer Reise war die nepalesische Hauptstadt Kathmandu. Im dortigen Race-Hotel traf ich auf meine Mitläufer, mit denen ich die nächsten 15 Tage verbringen sollte. Wir waren zu Zwölft, fünf Neuseeländer, ein Pole, ein Brasilianer, zwei Deutsche, eine Engländerin und Tony, mein 67-jähriger zugeloster englischer Zimmer- und Zeltgenosse; aktiver Samariter und seit über 10 Jahren immer in merkwürdigen überdimensionalen Kostümen als Spendenläufer beim London-Marathon im Einsatz. Von Kathmandu ging es mit einer zweimotorigen, 16 Plätze umfassenden Flugmaschine zunächst zum immer wieder als „gefährlichster“ Flughafen der Welt titulierten Landeplatz in Lukla im Himalaya. Extrem kurze Start- und Landebahn, am einen Ende begrenzt durch hohe Felsen, am anderen Ende ging es einfach nur 600 Meter ins Tal. In beide Richtungen also wenig Spielraum und nur bei schönem Wetter anfliegbar. Da liegt dann tatsächlich auch im Flieger eine gespannte Heiterkeit in der Luft und man freut sich wirklich, wenn das Flugzeug ordnungsgemäß zum Stehen kommt. Lukla selbst liegt auf 2.860 Meter Meereshöhe. Von dort aus sollte es aber in den nächsten Tage auf zwischenzeitlich fast 5.600 Meter hoch gehen. Aber gemächlich.
Unser Gepäck, jeweils 15 Kilo im Dufflebag, übernahmen einheimische Porter, während wir unseren Tagesrucksack natürlich selber trugen. Überhaupt, die Porter. Ab unserem Startort Lukla gab es die nächsten zwei Wochen lang nichts mehr mit Rädern zu sehen. Kein Auto, kein Traktor, kein Mofa, kein Fahrrad, keine Kutsche oder Karren. Alles, und wirklich alles, was auf den nächsten über 60 km zu irgendeinem Ort gebracht werden musste, wurde entweder von diesen Portern oder Maultieren und später den beeindruckenden Yaks getragen.
Unsere Tagestouren waren nach Datenlage jeweils recht kurz und lagen bei etwa 10 km. Hört sich entspannt an, ist es aber angesichts der Streckenführung und der Beschaffenheit des Untergrunds in der immer dünner werdenden Luft so gar nicht. Am Ende einer Tagestour traf man meistens auf seine Porter, die die Taschen schon zum Ziel gebracht hatten, und man machte es sich in den immer einfacher und kälter werdenden Lodges in seinem spartanischen Zweibettzimmer mit dem eigenen Schlafsack bequem. Am Anfang gab es noch Toiletten mit fließendem Wasser, dann zumindest noch ein Waschbecken für zum Teil 30 Leute, dann nur noch eine Toilette für alle ohne fließendes Wasser. Zwischendurch auch einfach nur eine Toilette irgendwo draußen. Das war so lange ok, wie es die anderen noch nicht mit Magen-Darm-Problemen erwischt hatte. Aber das dauerte nicht lange und betraf eigentlich jeden, außer meinem Zimmerkollegen und mich. Nachts hörte man dann durch die pappstarken Zimmerwände die Probleme der Mitreisenden. Ab Tag fünf waren dann immer irgendwelche Ärzte im Einsatz; der ein oder andere wurde dann auch mit dem Helikopter ausgeflogen, wenn absehbar war, dass sich das Problem nicht kurzfristig auflöste. So kamen also einige meiner Mitwanderer in den Genuss eines Hubschrauberfluges, aber nicht unbedingt zu dem Erlebnis, auch mal am Everest zu stehen. Neben den Magen-Darm-Problemen, entweder durch Lebensmittelvergiftung oder durch Noro-Virus, schlug bei dem ein oder anderen die Höhenkrankheit mächtig zu. Der berüchtigte Khumbu-Husten war dann noch die dritte gesundheitliche Herausforderung, die man überstehen musste.
Wenn man das alles nicht hatte, konnte man die Landschaft, die Strecke, die Menschen und das ganze Setting wunderbar genießen. Umgeben von wunderbaren Bergwelten, immer wieder über schwindelerregende (die höchste war über 130 Meter hoch) Hängebrücken mit Yak- und Maultiergegenverkehr auf 1,50 m Breite, durch Rhododendrenwälder und mit atemberaubenden Anstiegen (u.a. auf fast 5.600 Meter) näherten wir uns unserem Startziel, dem Everest-Base-Camp. Hier, wo alle Bergsteiger, die auf den Everest oder den Lhotse aufsteigen wollen, ihr Basislager haben, waren nun auch wir. Und das war ein großes Privileg, denn man kann zwar das Basislager besuchen, aber ansonsten dort nicht übernachten. Das Basislager ist eine riesige Zeltstadt, die immer im März auf- und gegen Ende Mai wieder abgebaut wird. Wir waren Ende Mai dort, und anders als 1953 bei der Erstbesteigung am 29. Mai, finden die Everestbesteigungen nun häufig bereits Anfang Mai statt, wobei es überhaupt nur ein potentielles Zeitfenster von zwei bis drei Wochen gibt, in denen halbwegs sicher die theoretische Möglichkeit besteht, den Everest zu erklimmen. Innerhalb dieses Zeitfensters muss dann aber auch noch das lokale Wetter passen. Das ist eben der Grund, warum es dann häufig an wenigen Tagen zu den Staus am Gipfel des Berges kommt. Dieses Jahr waren knapp 1.000 Menschen oben, so viel wie noch nie. Während also „die Expeditionen“ alle mit dem Abbau der Zeltstadt beschäftigt waren, versammelten wir ca. 250 Läufer, um dort am 29. Mai unseren Everest-Marathon zu starten. Zuvor waren wir aber zwei Nächte bei bis zu minus 20 Grad in unseren Zwei-Personen-Zelten und verbrachten unmittelbar auf dem Khumbu-Gletscher die Zeit. Ein sicher absolut einmaliges Erlebnis in dieser Umgebung, auch wenn ich auf die Toilettenfrage an dieser Stelle lieber nicht eingehe. Der Start am 29. Mai erfolgte in zwei Gruppen. Einige hatten sich für den 70-Kilometer Extreme Ultra angemeldet, darunter auch Ultraläuferin Alicia Bayer aus Neuss, die sich als erste Deutsche an diese Strecke wagte. Die anderen Teilnehmenden beschränkten sich auf die 42 Kilometer. Einige der zwischenzeitlich Erkrankten hatten zudem die Möglichkeit, von einem anderen Ort aus einen Halbmarathon zu laufen. Von den Marathon-Teilnehmern waren etwa zur Hälfte Nepalesen, die in ihrer eigenen Wertung starteten. Das hatte auch einen einfachen Grund. Während wir alle auf den 5.364 Metern Höhe, in denen der Start war, aufgrund der Höhe nur etwa 50% der normalen Sauerstoffzufuhr verarbeiten konnten und deshalb latent aus der Puste waren, waren die „Einheimischen“ daran gewohnt und haben das wie einen Traillauf bei uns wahrgenommen. Allerdings war dieser Trail zunächst komplett vereist, über fast die gesamte Strecke immer mit so dicken Steinen belegt, dass man jeden Schritt mit Bedacht machen musste, und es ging sowohl bergauf als auch bergrunter fast immer so steil, dass man in keiner Richtung angenehm laufen konnte. Nach den Werten des Veranstalters ging es zwar netto fast 1.800 Meter runter, aber dabei 3.128 Meter hoch und 4.929 Meter runter. Meine Garmin zeigte danach zwar etwas weniger an, aber gefühlt entsprachen die Werte dem, was wir laufen mussten. Von daher wurde es ein langer Tag und bei manchen Steigungen hörte man nach jeweils 5 Metern Streckengewinn erst mal für 10 Sekunden mit der Fortbewegung auf, um wieder Luft zu tanken. Da war es teilweise nicht sonderlich motivierend, dass man von Portern mit zum Teil Lasten von über 60 Kilo auf dem Rücken während des „Rennens“ überholt wurde. Teilweise brauchten Teilnehmer über 14 Stunden, um die Strecke zu absolvieren und dann erschöpft, aber glücklich ins Ziel einzulaufen.
Am nächsten Morgen ging es dann wieder auf den Trek Richtung Lukla. Sprich, wir mussten noch zwei Tage wie auf dem Hinweg wandern, um wieder zu diesem ominösen Flughafen zu kommen. Dort verabschiedeten wir uns mit einer schönen Party mit Freibier von unseren Portern. Währenddessen hofften wir darauf, dass das Wetter es gut meint und einen Flugstart ermöglichte. Sonst sitzt man dort nämlich ganz, ganz lange und verpasst die weitere Heimreise. Unser Rückflug endete nicht dort, wo wir gestartet waren, sondern eine sechsstündige Busreise entfernt. Es war aufgrund der Streckenführung und -beschaffenheit die schlimmste Busfahrt, die ich je in meinem Leben gemacht habe.
In Kathmandu gab es dann noch eine große Abschiedsparty für alle, aber da war ich schon wieder auf dem Weg nach Hause. Voller toller Erlebnisse und Bilder im Kopf mit guten Erinnerungen an so viele nette und besondere Menschen, die ich auf dieser Reise kennengelernt habe. Sieht man mal von den Risiken Flug, Höhenkrankheit, Lebensmittelunverträglichkeit und falscher Begegnung mit einem Yak ab, ist das meine absolute Empfehlung an alle, die wunderbare Landschaften außerhalb der eigenen Komfortzone erleben wollen.









